Direkt am Meer von Guardamar del Segura stehen Häuser, deren Geschichte fast ein Jahrhundert zurückreicht. Früher lagen vor ihnen breite Sandflächen, heute schlagen bei starkem Seegang die Wellen bis an die Mauern. Der Staat will einen großen Teil der historischen Siedlung beseitigen, die Bewohner kämpfen um ihren Erhalt, Valencia versuchte sie unter besonderen Schutz zu stellen – und inzwischen beschäftigt Playa Babilonia sogar das spanische Verfassungsgericht.
Wer heute zum ersten Mal an der Playa Babilonia entlangläuft, wird vermutlich zweimal hinschauen.
Zwischen dem Pinienwald von Guardamar und dem Mittelmeer steht eine Reihe kleiner Häuser direkt am Strand. Keine luxuriösen Villen, keine modernen Apartmentblöcke, keine schicken Beachclubs. Stattdessen niedrige Gebäude mit kleinen Terrassen, Türen zum Sand und teilweise nur wenigen Metern Abstand zum Wasser.
Es wirkt wie ein Stück Spanien aus einer anderen Zeit.
Und genau das ist es.


Die Häuserreihe am Meer bei Guardamar del Segura
Seit Generationen verbringen Familien hier ihre Sommer. Kinder wuchsen zwischen Strand, Häusern und Pinien auf. Manche der heutigen Bewohner kennen Babilonia seit ihrer Kindheit, andere haben die Häuser von Eltern oder Großeltern übernommen.
Doch genau dieser Ort könnte verschwinden.
Seit Jahren wird um die Zukunft der Häuser gestritten. Verwaltungsgerichte haben entschieden, der Tribunal Supremo war beteiligt, die spanische Küstenbehörde Costas fordert die Entfernung, die Generalitat Valenciana versuchte einzugreifen – und inzwischen ist daraus sogar ein Konflikt zwischen Madrid und Valencia geworden.
Im September 2025 standen die Maschinen bereits am Strand.
Die Häuser stehen trotzdem noch.
„Costas“ ist die in Spanien gebräuchliche Kurzbezeichnung für die staatliche Küstenverwaltung, die unter anderem für den Schutz, die Nutzung und die Bebauung des öffentlichen Küstenbereichs zuständig ist. Für Guardamar und damit auch Playa Babilonia ist konkret der Servicio Provincial de Costas en Alicante zuständig. Es gehört zur Dirección General de la Costa y el Mar im spanischen Umweltministerium (Ministerio para la Transición Ecológica y el Reto Demográfico).
Die Geschichte beginnt mit einem Problem, das heute kaum noch jemand kennt
Um Playa Babilonia zu verstehen, muss man mehr als 120 Jahre zurückgehen.
Ende des 19. Jahrhunderts hatte Guardamar ein ernstes Problem: wandernde Dünen.
Der Sand bewegte sich immer weiter ins Landesinnere und bedrohte landwirtschaftliche Flächen, Wege und schließlich auch den Ort selbst.
1897 entwickelte der Forstingenieur Francisco Mira y Botella deshalb ein riesiges Projekt zur Stabilisierung und Wiederaufforstung der Dünen. Mit Pflanzen, Schutzbarrieren, Pinien und anderen Bäumen sollte verhindert werden, dass der Sand weiter Richtung Stadt wanderte.
Die heutige Pinada von Guardamar ist deshalb keineswegs einfach nur ein natürlicher Pinienwald. Große Teile dieser Landschaft sind das Ergebnis eines gewaltigen Aufforstungsprojekts, das das Erscheinungsbild Guardamars bis heute prägt.
Interessant ist dabei ein kleines historisches Detail: Bereits auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1905 taucht am Weg zum Meer eine „Caseta Babilonia“ auf.
Den Namen Babilonia gab es also schon sehr früh.
Die Häuser sind älter, als viele denken
Oft wird erzählt, die Häuser von Babilonia seien erst 1934 entstanden.
Das stimmt so nicht.
Bereits 1930 standen dort nach historischen Untersuchungen 55 Häuser. Zusammen bedeckten sie mehr als 8.500 Quadratmeter.
1946 waren es 80 Häuser.
1956 bereits 117.
1977 schließlich 126.
Danach blieb die Größenordnung der Siedlung über viele Jahre relativ stabil.
Babilonia war also keine wilde Ansammlung illegal errichteter Hütten.
Der spanische Staat vergab selbst Konzessionen für die Nutzung des öffentlichen Küstenlandes. Zahlreiche dieser Genehmigungen stammen aus den 1930er- und 1940er-Jahren.
Besonders interessant ist dabei, dass einige dieser Konzessionen ausdrücklich ohne festgelegtes Enddatum erteilt wurden.
Für die damaligen Familien musste das wie ein dauerhaftes Nutzungsrecht wirken.
Und so wurden aus einfachen Strandhäusern im Laufe der Jahrzehnte Familienorte.

Für viele Bewohner geht es nicht um Immobilien
Genau das erklärt, warum der Streit heute so emotional geführt wird.
- Für Außenstehende sind es alte Häuser am Strand.
- Für die Familien dahinter sind es Erinnerungen.
- Sommerferien.
- Großeltern.
- Kinder, die hier laufen gelernt haben.
- Abende auf der Terrasse.
- Nachbarn, die sich seit Jahrzehnten kennen.
Babilonia entwickelte eine ganz eigene kleine Gemeinschaft.
Und deshalb ist die Frage für viele Bewohner nicht einfach: „Was ist dieses Haus wert?“
Sondern: „Kann man einen Ort ersetzen, an dem mehrere Generationen einer Familie gelebt haben?“
Dann kam das Küstengesetz von 1988
Der entscheidende rechtliche Wendepunkt kam mit der Ley de Costas von 1988.
Spanien wollte damit seine Küsten stärker schützen und klarer regeln, welche Flächen zum öffentlichen Küstenbereich gehören.
Für alte Konzessionen hatte das weitreichende Folgen.
Viele der früher teilweise zeitlich unbegrenzten Nutzungsrechte wurden nun begrenzt.
Für zahlreiche Häuser von Babilonia begann eine 30-jährige Übergangsfrist.
Damit bekam etwas, das jahrzehntelang keinen klaren Endtermin gehabt hatte, plötzlich ein Datum:
den 29. Juli 2018.
Von da an galten viele Konzessionen als ausgelaufen.
Für die Bewohner war das verständlicherweise schwer zu akzeptieren. Schließlich waren ihre Häuser nicht einfach illegal auf staatlichem Land errichtet worden. Der Staat selbst hatte die Nutzung ursprünglich genehmigt.
Allerdings gehört das Grundstück unter den Häusern eben nicht den Bewohnern wie ein normales privates Baugrundstück.
Es handelt sich um öffentlichen Küstengrund.
Und genau das ist der Kern des juristischen Problems.
2013 entstand noch einmal Hoffnung
Eine Reform des spanischen Küstenrechts im Jahr 2013 eröffnete Eigentümern beziehungsweise Konzessionsinhabern alter Küstengebäude grundsätzlich die Möglichkeit, Verlängerungen zu beantragen.
Je nach Fall konnten solche Verlängerungen sehr lange Laufzeiten erreichen, teilweise bis zu 75 Jahre.
Doch eine Verlängerung war kein Automatismus.
Auch Bewohner von Babilonia stellten entsprechende Anträge.
Costas lehnte sie ab.
Die Küstenbehörde argumentierte unter anderem mit dem Schutz der Landschaft, der natürlichen Funktion des Strandes und der Dünen sowie mit der zunehmenden Gefahr durch das immer näher kommende Meer.
Die Betroffenen gingen dagegen vor Gericht.
Doch mehrere Entscheidungen fielen zugunsten der staatlichen Verwaltung aus.
Damit wurde aus einem jahrelangen Streit über Konzessionen irgendwann eine sehr konkrete Frage:
Wann werden die Häuser entfernt?
Dabei gibt es einen entscheidenden Punkt: Die Häuser sind nicht zum Meer gewandert
Wer alte Fotos von Babilonia betrachtet, erkennt sofort etwas, das für den heutigen Konflikt enorm wichtig ist.
Vor den Häusern lag früher deutlich mehr Strand.
Teilweise befanden sich viele Meter Sand zwischen den Gebäuden und der Wasserlinie.
Heute schlagen bei entsprechendem Seegang die Wellen direkt gegen Mauern und Terrassen.
Die Häuser haben ihren Standort nicht verändert.
Die Küste schon.
Und damit beginnt der technisch vielleicht spannendste Teil der ganzen Geschichte.
Was ist mit dem Strand passiert?
Die Küstenbehörde argumentiert, dass die Häuser selbst ein Problem für die natürliche Entwicklung des Strandes darstellen.
Ein Strand ist kein festes Gebilde.
Sand bewegt sich.
Zwischen Meer, Strand und Dünen findet ständig ein Austausch statt. Dünen können dabei als natürliche Sandreserve dienen.
Gebäude zwischen Strand und Dünen können diesen Prozess stören.
Aus Sicht von Costas ist deshalb nicht nur das ausgelaufene Nutzungsrecht ein Problem, sondern auch die Tatsache, dass die Häuser eine Barriere im Küstensystem bilden.
Die Bewohner wiederum stellen eine andere Frage:
Warum wurde die Erosion gerade in den vergangenen Jahrzehnten so viel stärker?
Und hier wird es interessant.


Der Río Segura spielt eine wichtige Rolle
Der Río Segura mündet nur wenige Kilometer nördlich von Babilonia ins Mittelmeer.
Über Jahrhunderte brachte der Fluss Sedimente bis an die Küste.
Doch der Segura wurde im Laufe der Zeit stark reguliert. Staudämme, Wasserwirtschaft und andere Eingriffe reduzierten die Menge an Sedimenten, die tatsächlich noch das Meer erreicht.
Hinzu kamen massive Veränderungen an der Flussmündung.
Dort wurden große Wellenbrecher errichtet.
Außerdem entstand der Hafen Marina de las Dunas.
Solche Bauwerke können den natürlichen Sandtransport entlang der Küste erheblich beeinflussen.
Und genau hier setzen die Bewohner mit ihrer Kritik an.
Die Erosion hat sich deutlich beschleunigt
Wissenschaftliche Untersuchungen der Küstenentwicklung von Guardamar zeigen einen auffälligen Unterschied zwischen früher und heute.
Zwischen 1930 und 1989 zog sich die Küstenlinie im Bereich von Babilonia um ungefähr 8,7 Meter zurück.
Zwischen 1997 und 2022 waren es bereits rund 12 Meter.
Also mehr Rückgang in nur 25 Jahren als zuvor in fast sechs Jahrzehnten.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Forscher nennen dabei nicht nur einen einzigen Schuldigen.
Die Regulierung des Río Segura spielt eine Rolle.
Die verringerte Sedimentzufuhr ebenfalls.
Hinzu kommen Hafenanlagen, Wellenbrecher, Bebauung, veränderte Küstenströmungen, Sturmereignisse und der langfristige Anstieg des Meeresspiegels.
Auch die Häuser von Babilonia selbst können die natürliche Strand-Dünen-Dynamik beeinflussen.
Die Wahrheit ist deshalb komplizierter als die einfache Aussage:
„Die Häuser sind schuld.“
Genauso falsch wäre aber:
„Die Häuser haben überhaupt keinen Einfluss.“
Die Küste von Guardamar ist das Ergebnis vieler Entwicklungen, die sich gegenseitig beeinflussen.
Der Wellenbrecher ist für die Bewohner trotzdem ein wichtiges Argument
Besonders häufig wird auf die Veränderungen an der Segura-Mündung verwiesen.
Denn große Wellenbrecher verändern die Richtung und Geschwindigkeit des Sandtransports entlang der Küste.
In wissenschaftlichen Untersuchungen wird beschrieben, dass sich die Erosion südlich der Flussmündung nach den großen Eingriffen deutlich verstärkt hat.
Das macht den Fall politisch und emotional so brisant.
Denn der Staat nennt heute die Erosion und die zunehmende Gefahr durch das Meer als Gründe für die Entfernung der Häuser.
Die Bewohner halten dagegen, dass staatliche und andere große Infrastrukturmaßnahmen selbst dazu beigetragen haben könnten, dass der Strand vor ihren Häusern überhaupt so stark verschwunden ist.
Stürme zeigen inzwischen, wie ernst die Situation ist
Bei starken Mittelmeerstürmen wird deutlich, dass die Gefahr keineswegs theoretisch ist.
Besonders der schwere Sturm Gloria im Januar 2020 traf die spanische Mittelmeerküste massiv.
Auch Guardamar wurde stark getroffen.
Wo früher ein breiter Sandstreifen lag, können Wellen heute direkt bis an die Gebäude gelangen.
Das macht die Situation für manche Häuser inzwischen tatsächlich gefährlich.
Ein Haus wurde bereits 2016 abgerissen
Der große Abrisskonflikt begann nicht erst 2025.
Schon 2016 wurde ein Haus an der Playa Babilonia entfernt.
Es war nach schweren Stürmen so stark beschädigt worden, dass die Behörden Einsturzgefahr sahen.
Das Gebäude mit der damaligen Konzessionsnummer A-186 wurde als Notmaßnahme abgerissen.
Die Kosten lagen bei rund 73.000 Euro.
Auch andere Gebäude verschwanden im Laufe der Jahre.
1977 waren noch 126 Häuser dokumentiert.
2023 wurden noch 102 gezählt.
Babilonia wird also schon seit Jahren kleiner.
Nur eben langsam.


2025 sollte es plötzlich sehr schnell gehen
Im Jahr 2025 schien das Ende für einen großen Teil der noch vorhandenen Häuser tatsächlich gekommen zu sein.
Rund 60 bis 65 Häuser waren von den anstehenden Maßnahmen betroffen.
Nach jahrelangen Verfahren und Gesprächen mit Costas sollte der Abriss ab Mitte September beginnen.
Ein wichtiger Termin war der 15. September 2025.
Mehrere Bewohner hatten schließlich selbst ein Unternehmen mit dem Abriss beauftragt.
Das mag zunächst merkwürdig klingen.
Der Hintergrund war allerdings einfach: Wenn der Staat die Gebäude zwangsweise beseitigt, können die Kosten anschließend den Betroffenen in Rechnung gestellt werden.
Ein selbst organisierter Abriss war deshalb für manche die kontrollierbarere Lösung.
Für viele Familien sah der Sommer 2025 trotzdem aus wie der letzte Sommer in Babilonia.
Ein Gebäude verschwand bereits im Juni
Wie ernst die Situation war, konnten die Bewohner schon einige Monate vorher beobachten.
Im Juni 2025 wurde ein älteres Gebäude am Strand abgerissen.
Große Baumaschinen arbeiteten unmittelbar vor den verbliebenen Häusern.
Für die Bewohner war das ein sehr sichtbares Zeichen dafür, dass es diesmal nicht nur um Briefe, Verordnungen und Gerichtsentscheidungen ging.
Der Abriss war real.
Dann griff die Generalitat Valenciana ein
Im Mai 2025 hatte die Comunidad Valenciana ein eigenes Küstengesetz verabschiedet.
Ein Teil dieses Gesetzes war für Babilonia besonders interessant.
Es eröffnete die Möglichkeit, traditionelle Küstensiedlungen mit außergewöhnlichem kulturellen, historischen oder ethnologischen Wert besonders zu schützen.
Dabei ging es nicht darum, neue Häuser am Strand zu erlauben.
Im Gegenteil: Neue Bebauung beziehungsweise eine Erweiterung bestehender Bauvolumen sollte in solchen geschützten Bereichen gerade verhindert werden.
Die Idee war eine andere:
Historisch gewachsene Küstensiedlungen sollten unter bestimmten Voraussetzungen erhalten werden können.
Und Babilonia schien plötzlich genau in diese Kategorie zu passen.
Im Sommer 2025 begann das Schutzverfahren
Im Juli leitete die Generalitat ein Verfahren ein, um die besondere ethnologische Bedeutung von Babilonia prüfen zu lassen.
Anfang September folgte eine weitere wichtige Entscheidung.
Die valencianischen Behörden verfügten vorsorglich, dass keine Maßnahmen durchgeführt werden sollten, die möglicherweise vorhandene kulturelle oder historische Werte zerstören könnten.
Das war nur wenige Tage vor dem vorgesehenen Beginn der großen Abrissaktion.
Plötzlich war überhaupt nicht mehr klar, was am 15. September passieren würde.
Dann kamen tatsächlich die Maschinen
Am 15. September 2025 erschienen Fahrzeuge und Mitarbeiter des Abrissunternehmens an der Playa Babilonia.
Für viele Bewohner muss das ein surrealer Moment gewesen sein.
Jahrelang hatte man über Abriss gesprochen.
Nun standen die Maschinen tatsächlich vor den Häusern.
Doch der Abriss begann nicht.
Aufgrund der inzwischen verhängten Schutzmaßnahmen wiesen Betroffene das von ihnen selbst beauftragte Unternehmen an, zunächst nicht mit den Arbeiten zu beginnen.
Die Maschinen standen am Strand.
Die Häuser ebenfalls.
Babilonia hatte in letzter Minute Zeit gewonnen.
David Renner wurde zum Gesicht des Widerstands
Einer der Menschen, die den Kampf um Babilonia weit über Guardamar hinaus bekannt gemacht haben, ist David Renner.
Renner gehört selbst zu den Betroffenen.
Ende März 2025 begann er mit einer ungewöhnlichen Protestaktion.
Vom 31. März an ging er jeden Tag ins Mittelmeer.
Und jedes Mal veröffentlichte er seinen Sprung ins Wasser in den sozialen Netzwerken.
Die Zahl war bewusst gewählt.
Zwischen dem Beginn seiner Aktion und dem geplanten Abriss am 15. September lagen 168 Tage.
Also wollte Renner 168-mal ins Meer gehen.
Ein Bad für jeden verbleibenden Tag.
Ein Countdown bis zu dem Zeitpunkt, an dem sein Zuhause möglicherweise verschwinden sollte.
Aus einem täglichen Bad wurde eine große Protestaktion
Die Videos verbreiteten sich immer weiter.
Einige erreichten Hunderttausende Aufrufe.
Plötzlich interessierten sich auch Menschen außerhalb Guardamars für die kleinen Häuser.
Als David Renner sein 100. Bad erreichte, ging er nicht mehr allein ins Wasser.
Bewohner, Freunde und Unterstützer kamen zusammen und machten daraus ein gemeinsames Protestbad.
Aus der Aktion eines Einzelnen war eine Bewegung geworden.
Am 15. September 2025 absolvierte Renner schließlich sein 168. Bad.
Genau an dem Tag, an dem der Abriss beginnen sollte.
Doch die Häuser standen noch.


Die Bewohner gingen sogar bis Alicante
Der Widerstand beschränkte sich nicht auf soziale Medien.
Bewohner und Unterstützer organisierten Demonstrationen, Informationsveranstaltungen und weitere Aktionen.
Bei einer besonders auffälligen Protestaktion legten Teilnehmer rund 38 Kilometer von Guardamar bis Alicante zurück, um dort auf ihre Situation aufmerksam zu machen.
An den Häusern tauchten Transparente auf.
„Babilonia resiste.“
Babilonia leistet Widerstand.
Der Konflikt war endgültig nicht mehr nur eine juristische Auseinandersetzung.
Er war öffentlich geworden.
2026 kam es erneut zu einem großen gemeinsamen Bad
Auch nachdem der ursprünglich geplante Abriss verhindert worden war, hörte der Protest nicht auf.
Im Sommer 2026 kamen erneut mehrere Hundert Menschen an die Playa Babilonia.
Mehr als 300 Bewohner, Freunde und Unterstützer gingen gemeinsam ins Wasser.
Der Protest war inzwischen zu einer Art Tradition geworden.
Und David Renner kämpft weiter öffentlich für den Erhalt der Häuser.
Er hat dem Streit ein Gesicht gegeben.
Denn ein komplizierter Konflikt über Konzessionen, Küstenrecht und Zuständigkeiten ist schwer zu erklären.
Ein Mensch, der jeden Morgen aus seinem Haus kommt, ein paar Schritte über den Sand läuft und ins Meer springt – und nicht weiß, wie lange dieses Haus noch stehen wird –, versteht dagegen jeder.
Aus dem Streit wurde ein Konflikt zwischen Valencia und Madrid
Mit dem Eingreifen der Generalitat änderte sich die Dimension des Falls komplett.
Nun stritten nicht mehr nur Bewohner mit der Küstenbehörde.
Jetzt standen sich zwei Verwaltungen gegenüber.
Die Generalitat Valenciana argumentierte, sie habe Zuständigkeiten für Raumordnung, Küstenplanung und Kulturerbe und dürfe deshalb historisch gewachsene Küstensiedlungen schützen.
Die spanische Zentralregierung hielt dagegen.
Der öffentliche maritime Küstenbereich unterliege staatlichem Recht, und eine autonome Region könne nicht einfach Entscheidungen neutralisieren, die bereits aufgrund des staatlichen Küstenrechts getroffen und von Gerichten bestätigt worden seien.
Damit ging es plötzlich um eine grundsätzliche Frage:
Wer hat hier eigentlich das letzte Wort?
Der Fall landete beim Verfassungsgericht
Anfang 2026 eskalierte der Konflikt weiter.
Die spanische Zentralregierung focht Teile des valencianischen Küstengesetzes vor dem Tribunal Constitucional an.
Im März 2026 nahm das Verfassungsgericht die Beschwerde zur Prüfung an.
Dadurch wurden die angegriffenen Teile des Gesetzes zunächst ausgesetzt.
Für Babilonia war das eine schlechte Nachricht.
Denn genau auf diese Bestimmungen hatte sich Valencia berufen, um die Häuser schützen zu können.
Im Juli 2026 kam der nächste Rückschlag
Am 21. Juli 2026 entschied das Verfassungsgericht erneut über die vorläufige Situation.
Es hielt die Aussetzung des entscheidenden Artikels des valencianischen Küstengesetzes in dem Bereich aufrecht, der für Gebäude wie jene von Babilonia wichtig ist.
Der Beschluss wurde im August veröffentlicht.
Damit konnte sich Babilonia vorerst nicht auf diesen Schutzmechanismus verlassen.
Besonders bemerkenswert:
Playa Babilonia wird in dem Beschluss ausdrücklich erwähnt.
Der Fall ist also längst kein kleiner kommunaler Streit mehr.
Eine Reihe bescheidener Strandhäuser in Guardamar beschäftigt inzwischen eines der höchsten Gerichte Spaniens.
Trotzdem ist noch nicht alles entschieden
Ein Punkt wird dabei häufig falsch dargestellt.
Das Verfassungsgericht hat bislang nicht endgültig entschieden:
„Die Häuser müssen jetzt abgerissen werden.“
Im aktuellen Verfahren geht es zunächst um die Frage, ob Valencia mit seinem eigenen Küstengesetz in staatliche Kompetenzen eingreift.
Die umstrittenen Schutzbestimmungen bleiben vorläufig suspendiert.
Das eigentliche Verfahren über ihre Verfassungsmäßigkeit ist damit aber noch nicht endgültig abgeschlossen.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Für die Bewohner ist die Lage dadurch zwar schwieriger geworden.
Aber die juristische Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Babilonia liegt außerdem in einem ökologisch sensiblen Gebiet
Ein weiterer Punkt spielt in den staatlichen Argumenten eine Rolle.
Teile der Umgebung gehören zum europäischen Schutzgebietsnetz Natura 2000.
Die Dünen- und Küstenlandschaft von Guardamar besitzt also nicht nur touristischen, sondern auch ökologischen Wert.
Der Staat will Teile des Küstenbereichs renaturieren und die Verbindung zwischen Strand und Dünensystem verbessern.
Aus dieser Perspektive sind die Häuser nicht nur historische Gebäude.
Sie stehen auch mitten in einem natürlichen System, das langfristig wieder mehr Raum bekommen soll.
Und genau darin liegt der Grundkonflikt:
Kulturerbe gegen Renaturierung.
Familiengeschichte gegen Küstenrecht.
Erinnerung gegen die Frage, wie eine Küste in Zukunft aussehen soll.

Wer hat also recht?
So einfach lässt sich das nicht beantworten.
- Costas hat nachvollziehbare Argumente.
- Der Strand ist öffentlich.
- Die Konzessionen sind ausgelaufen.
- Die Sicherheit wird mit zunehmender Erosion problematischer.
- Und Gebäude direkt zwischen Strand und Dünen beeinflussen die natürliche Küstendynamik.
- Die Bewohner haben allerdings ebenfalls nachvollziehbare Argumente.
- Ihre Häuser wurden nicht heimlich errichtet.
- Viele entstanden auf Grundlage staatlicher Genehmigungen.
- Der Strand war früher deutlich breiter.
Und wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass große menschliche Eingriffe – besonders die Regulierung des Río Segura und Veränderungen an seiner Mündung – die Küstenentwicklung deutlich beeinflusst haben.
Wer die Geschichte nur mit „alte illegale Häuser müssen weg“ beschreibt, wird ihr deshalb nicht gerecht.
Genauso wenig wäre es korrekt, sämtliche Umwelt- und Sicherheitsargumente einfach zu ignorieren.
Torrevieja kennt eine ähnliche Geschichte
Für Leser von Torrevieja.de dürfte der Fall Babilonia Erinnerungen wecken.
Denn auch Torrevieja hat einen traditionsreichen Ort direkt am Meer verloren.
Den Kiosco El Tintero an der Playa del Cura.
El Tintero gehörte für viele einfach zu Torrevieja
Über Jahrzehnte stand El Tintero unmittelbar am Meer.
Generationen von Einwohnern und Urlaubern kannten den Kiosco.
Für viele gehörte er genauso selbstverständlich zur Playa del Cura wie der Strand selbst.
Doch auch dort bestand das Gebäude auf öffentlichem Küstengrund.
Die entsprechende Konzession lief aus.
Die Betreiber kämpften um den Erhalt.
Auch die Stadt Torrevieja versuchte noch, El Tintero wegen seiner historischen und lokalen Bedeutung unter Schutz stellen zu lassen.
Es half nicht.
Ende 2023 wurde El Tintero entfernt.
Heute ist von dem bekannten Kiosco nichts mehr übrig.
Schon vorher verschwand der Kiosco José María
El Tintero war nicht einmal der erste solche Fall an der Playa del Cura.
Bereits Ende 2020 wurde dort der Kiosco José María entfernt.
Auch dessen Konzession für die Nutzung des öffentlichen Küstenbereichs war ausgelaufen.
Torrevieja kennt deshalb die zentrale Frage des Babilonia-Konflikts aus eigener Erfahrung:
Wie viel zählt eine jahrzehntelange Tradition, wenn das Recht zur Nutzung öffentlichen Küstengrundes endet?
Und dann sieht man anderswo riesige Gebäude direkt am Wasser
Genau an diesem Punkt stellen viele Menschen eine ganz andere Frage.
Wenn kleine historische Gebäude verschwinden müssen – warum stehen an anderen Orten riesige Hotels, Apartmenthäuser oder andere Bauten praktisch direkt am Meer?
Ein besonders auffälliges Beispiel befindet sich in Alicante:
das Meliá Alicante.
Das große Hotel steht zwischen Hafen und Playa del Postiguet so nah am Wasser, dass man auf den ersten Blick tatsächlich fragen könnte:
Warum darf dieses riesige Gebäude bleiben, während kleine Häuser in Guardamar verschwinden sollen?
Ganz so einfach ist der Vergleich allerdings nicht
Das Meliá Alicante ist kein moderner Neubau, der nach heutiger Rechtslage einfach auf einen Strand gesetzt wurde.
Seine Geschichte reicht ebenfalls Jahrzehnte zurück.
Das Hotel wurde Anfang der 1970er-Jahre errichtet und 1973 eröffnet.
Das Gelände befindet sich außerdem im Bereich des Hafens von Alicante.
Bereits in den 1960er-Jahren war dort die Aufschüttung beziehungsweise Nutzung von Hafengelände genehmigt worden.
Auf dieser künstlich geschaffenen Fläche entstand später das Hotel.
Damit liegt rechtlich eine völlig andere Situation vor als bei Häusern auf einem normalen Abschnitt des öffentlichen Strandes.
Hafenflächen unterliegen teilweise eigenen Regeln und Konzessionen.
Selbst das Meliá war allerdings nicht immer unumstritten
Auch die Zukunft des Hotels war über die Jahrzehnte keineswegs immer selbstverständlich.
In früheren Planungen für den Hafen wurde zeitweise darüber nachgedacht, das Gebäude irgendwann verschwinden zu lassen beziehungsweise den Bereich so umzugestalten, dass die Promenade am Postiguet weitergeführt werden könnte.
Später wurden diese Planungen verändert.
Das Hotel blieb.
Der Vergleich mit Babilonia ist also juristisch nicht direkt möglich.
Aber er erklärt sehr gut, warum viele Menschen die Küstenpolitik als widersprüchlich empfinden.
Rechtlich können zwei Gebäude am gleichen Meer völlig unterschiedlich behandelt werden
Für einen Spaziergänger sieht es simpel aus.
Hier steht ein Gebäude direkt am Wasser.
Dort ebenfalls.
Warum darf das eine bleiben und das andere nicht?
Juristisch können zwischen diesen Gebäuden jedoch Welten liegen.
Das eine steht möglicherweise auf privatem Grundstück.
Das andere auf Hafengelände.
Ein weiteres besitzt noch eine gültige Konzession.
Und beim nächsten ist diese Konzession seit Jahren abgelaufen.
Diese Unterschiede sieht man vom Strand aus nicht.
Aber genau sie entscheiden am Ende darüber, ob ein Gebäude bleiben darf.
Was passiert jetzt mit Playa Babilonia?
Stand September 2026 stehen die Häuser noch.
Der Schutzmechanismus des valencianischen Küstengesetzes, auf den sich die Generalitat berufen hatte, ist in dem für Babilonia entscheidenden Bereich weiterhin suspendiert.
Die früheren Entscheidungen über das Ende der Konzessionen und die Entfernung betroffener Gebäude wurden bereits von der Verwaltungsgerichtsbarkeit bestätigt.
Das Verfassungsgericht hat aber noch nicht endgültig über den gesamten Streit um die valencianische Regelung entschieden.
Und einen neuen öffentlich bekannten konkreten Termin, an dem die verbliebenen Häuser tatsächlich abgerissen werden sollen, gibt es derzeit nicht.
Damit befindet sich Playa Babilonia erneut in einem Zustand, der inzwischen fast schon zu diesem Ort gehört:
zwischen Hoffnung und Abriss.
Vielleicht stehen die Häuser noch ein Jahr.
Vielleicht mehrere.
Vielleicht werden die Abrissentscheidungen irgendwann vollständig umgesetzt.
Vielleicht findet sich vorher doch noch eine politische, rechtliche oder technische Lösung, mit der zumindest ein Teil dieser außergewöhnlichen Siedlung erhalten werden kann.
Niemand kann das derzeit seriös vorhersagen.
Sicher ist nur eines:
Fast hundert Jahre nachdem die ersten Familien diesen besonderen Ort am Meer geprägt haben, ist seine Geschichte noch immer nicht zu Ende geschrieben.
Wer heute an der Playa Babilonia entlangläuft, sieht deshalb nicht einfach nur ein paar alte Häuser.
- Man sieht die Spuren des großen Dünenprojekts von Francisco Mira.
- Man sieht fast ein Jahrhundert Familiengeschichte.
- Man sieht, wie sich eine Küste verändert hat.
- Man sieht die Folgen moderner Infrastruktur, Küstenschutz und Erosion.
Und man sieht einen Konflikt darüber, was an Spaniens Küsten wichtiger sein soll: Natur, öffentliches Eigentum, Recht, Geschichte oder Erinnerung.
Vielleicht gibt es darauf gar keine einfache Antwort.
Aber genau deshalb ist Playa Babilonia heute viel mehr als nur ein Strand in Guardamar.
Es ist ein Stück Costa-Blanca-Geschichte, das sich noch immer weigert zu verschwinden.
Mehr entdecken rund um Guardamar und die Costa Blanca
Wer die Playa Babilonia selbst einmal sehen möchte, findet in unserem ausführlichen Strandporträt weitere Informationen zur Lage, zum Strand und zu einem Spaziergang entlang der alten Häuser: Playa Babilonia in Guardamar – der Strand mit den alten Häusern.
Direkt nördlich beginnt mit der Playa de los Viveros eine völlig andere Seite Guardamars – mit Dünen, Pinien, Natur und der Mündung des Río Segura. Wer Guardamar noch besser kennenlernen möchte, findet außerdem viele Hintergründe und Ausflugstipps in unserem großen Porträt Guardamar del Segura – der grüne Nachbar von Torrevieja.
Einen besonders schönen Naturstrand zeigt unser Beitrag über die Playa Moncayo in Guardamar. Und wer nach der Geschichte von El Tintero noch einmal sehen möchte, wie die Playa del Cura heute aussieht, findet hier unseren aktuellen Guide zur Playa del Cura in Torrevieja.
Den Abschnitt würde ich genau so unter den eigentlichen Artikel setzen. Die Links sind thematisch eng genug, ohne nach künstlicher SEO-Verlinkung auszusehen






































